"Ich gehe langsam in die Landschaft hinein. Ich spüre den porösen schrundigen Boden unter den Füßen. Es gibt, wie erwartet, keine Vegetation."

     

 

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Anleitung zum Gehen

Du brauchst nicht viel, wenn du gehst – aber das weißt du ja. Nimm etwas Wasser, eine Handvoll Nüsse und einen Riegel dunkle Schokolade mit. Manchmal kommt der Hunger sehr plötzlich.
Es gibt Tage, die zum Gehen einladen, und solche, die dich sitzen lassen. Finde heraus, woran das liegt (mein Tipp: am Licht).
Es gibt Tage, an denen du gehen willst, aber man lässt dich nicht – finde dich damit ab. Entscheide am Morgen, ob du gehen willst und kannst, und bereite dich vor.
Trage bequeme Schuhe. Die Eleganz des Gehens hängt nicht am Schuhwerk. Vergiss nicht, sie regelmäßig einzufetten. Mit Hirschtalg zum Beispiel.
Du brauchst kein Ziel, um zu gehen – aber das weißt du ja.
Du brauchst keinen Hund, um zu gehen, aber die Gesellschaft eines Tieres hilft bei allem, auch beim Gehen.
Wenn du mit einem Hund gehst, bist nicht du es, die ihn ausführt. Ihr geht gemeinsam.
Wenn du mit einem Menschen gehst, suche dir einen schweigsamen Gefährten. Ihr werdet beide mehr sehen. Wenn ihr reden wollt, bleibt besser zuhause.
Je mehr du weißt von dem, was dich umgibt, desto mehr wirst du sehen. Lerne jeden Tag etwas Neues: einen Baum, einen Vogel, ein Kraut. Wusstest du, dass die meisten von uns nur drei Bäume kennen?
Wenn du schon viel weißt, belehre niemanden. Teile dein Wissen, indem du gehst und zeigst. Schau mal zu dem Vogel dort hinüber.
Wenn du außer Atem bist, genieße das brennende Gefühl im Brustkorb. Genieße die Ermüdung der Muskeln, die feuchten Socken und den Schlamm an der Hose. Es sind deine Trophäen. Du bist am Leben.
Stecke unterwegs nichts ein. Steine verlieren auf dem Schreibtisch ihren Glanz, Federn werden struppig, Kastanien verdörren, und Muscheln zerbröseln. Lass alles dort, wo es hingehört.
Das bedeutet auch: nimm alles mit, das nicht dorthin gehört, sofern es nicht allzu sehr stinkt.
Gehen ist nicht Davonlaufen. Wenn du es eilig hast, wegzukommen, nimm die Bahn oder lass dich fahren. Am besten nicht von demjenigen, vor dem du davonläufst.
Es ist nicht egal, wo du gehst. Würdige deinen Weg - seine Beschaffenheit, den festen Sand am Flutsaum, den moosigen Waldweg mit seinem Wurzelwerk, den steinigen Untergrund und die Flechten an den Felsrücken, den federnden Bohlenweg über dem Moor. Auch gepflasterte Wege verdienen deine Aufmerksamkeit. Asphalt an einem heißen Sommerabend duftet nach Lakritz, ist dir das schon aufgefallen?
Streife, was du siehst, mit freundlichem Blick, ohne es festzuhalten. Fotografiere nicht, es hat keinen Sinn. Du gehst vorüber und siehst, was du sehen kannst: den orangen schimmernden Farn zwischen den Stämmen, die Pelzigkeit der Wiesen, die Güllespuren auf dem frisch gemähten Feld, den steif verschachtelten Mais. Die Fassaden, Plätze, Kreuzungen, Bürotürme, Alleen, Plattenbauten und Parkhäuser fremder Städte, ihre Farben, ihre Szenen, ihre Tränen und ihren Irrsinn. Auch in deiner eigenen Stadt, in der dir alles so bekannt ist wie die Innentasche deines alten Mantels, gehst du einfach vorüber, als kehrtest du nicht mehr zurück.
Speckled beauty.
Singe von Zeit zu Zeit.
Wenn du mit gesenktem Kopf gehst, siehst du nur deine eigenen Füße. Wenn du den Kopf in den Nacken legst, wirst du stolpern.
Sorge für dich. Mit nassen Füßen zu gehen, macht unglücklich. Schlechte Kleidung liefert dich dem Wind aus. Wenn du passend gekleidet bist, kannst du alles, was dir begegnet, begrüßen.
Lass dein Telefon zuhause.
Wenn dir langweilig wirst, leidest du an Verstopfung. Das kann passieren. Sie wird sich lösen, wenn du nicht versuchst, die Langeweile zu vertreiben.
Du kannst in der Nähe oder in der Ferne gehen. Halte dir alles offen. Wenn du dich festlegst, wirst du irgendwann zum Stammgast.
Oder du gehst immer die gleiche Strecke. Auch dann wird sich dein Gehen verändern.
Vergiss nicht deine unendliche Freude, als du das Gehen gelernt hast. Du weißt es nicht mehr, aber vergiss es nicht. Auf deinen eigenen Füßen zu stehen, einen Schritt zu tun und dann noch einen, eine Entfernung zu überwinden – das war ein Fest, und so ist es auch heute noch.
Wenn deine Knie schmerzen, deine Füße dick und heiß werden, der Tagesrucksack in die Schultern schneidet, dein Iliosakralgelenk verrutscht und die Lippen spröde werden, nimm es hin. Du bewohnst diesen Körper, der dir erlaubt zu gehen. Sei ihm dankbar.
Deine Vorgänger haben das Gehen besungen. Du kannst davon lesen und hören, aber berausche dich nicht daran und vergiss rechtzeitig alles. Wer jetzt geht, bist du.
Wenn du dich verläufst, gehe weiter und hoffe auf einen Umweg, Irrweg oder Ausweg. Wenn sich keiner auftut, sei nicht zu stolz zu fragen.
Irgendwann wirst du dich verletzen. Das Gehen wird eine Weile beschwerlich sein. Versuche es trotzdem. Deine Wunde wird nicht besser heilen, wenn du nicht gehst.
Dein schlechtes Gewissen, weil du, während du gehst, soviel Anderes nicht tust, hilft niemandem. Du gehst, dann kommst du zurück und rettest die Welt.
Es kommt nicht darauf an, wie lange du gehst. Gehen ist gehen. Aber ein langer Gang bringt dich weiter weg.
Gehe nicht, um dir etwas zu beweisen, um etwas zu lernen, um Erfahrungen oder Eindruck zu machen. Gehe einfach so.
Wenn du keine Zeit mehr findest, um zu gehen, denke über dein Leben nach.
Wenn du nur noch gehen und nichts anderes mehr tun willst, denke über dein Leben nach.
Gehen hat viel mit Schreiben zu tun – aber das weißt du ja.
Gehe nicht, um eine Entscheidung zu fällen. Manche glauben, es könne helfen, aber das stimmt nicht. Gehe einfach so. Dann wird dir die Entscheidung später, wenn du zurückgekehrt bist, leichter fallen.
Erhoffe alles. Erwarte nichts.
Wenn du müde bist, ruhe dich aus.
Wenn du sehr müde bist, gehe im Schnee, bis du nicht mehr kannst. Dann lege dich hin. Man wird dich erst am nächsten Morgen finden.

 

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