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Ich plane eine Häutung

Ich plane eine Häutung. Ja, ich möchte mich häuten und darunter neu zum Vorschein kommen, mit unverbrauchter, unberührter Haut, noch feucht wird sie sein, an manchen Stellen verklebt, ich werde sie vorsichtig trocknen und mich im Spiegel betrachten und mich nicht wiedererkennen. Nur die Augen bleiben vertraut, sie werden etwas verrutscht sein unter der neuen Hülle, so wie alles seine Zeit braucht, um sich zurechtzurücken und einzupassen.
Mein Plan ist weit gediehen, aber ich werde ungeduldig. Zu schlaff ist die alte Hülle. Wenn ich darüberstreiche, fahren meine Finger über ausgebeulte Stellen, glattgescheuerte Kniegelenke, an den Ohren Faltenwürfe, der Bauch wie ein Beutel ohne Inhalt. Ich habe versucht, mir das alte Zeug vom Leibe zu reißen, aber es klebt an mir, als wäre es ein Teil von mir. Feine Risse an den Oberarmen und den Achselhöhlen, zuwenig für eine Häutung.
Ich weiß doch, was unter der alten Hülle auf mich wartet, ich weiß, daß ich glänzend und frischgeschlüpft sein werde, voller Möglichkeiten, die jetzt schon in meinen Fingerspitzen spielen, in meinen Brüsten arbeiten, am Schienbein jucken. Niemand wird sich ohne weiteres aufbrauchen lassen, jeder alte Wein ist, in neuen Flaschen gereicht, ein köstlicher Genuß, jedes Tier kann sich, indem es seinen alten, stumpf gewordenen Pelz abwirft, erneuern. Selbst der Karpfen ist, sorgfältig von schleimigen Schuppen befreit, ein reinlicher Anblick.
Also bin ich zuversichtlich, daß auch mir der Eingriff gelingen wird. Ich zögere noch, das Messer anzusetzen, das ich gestern erstanden habe, eines der schärfsten. Meine Hoffnung ist, daß seine Schärfe den Schnitt kaum spüren läßt, eine rasche Ahnung, eine feine Ritzung, durch die sauberes Blut dringt, darunter schon das Versprechen der neuen Haut.
Dann werde ich mich neu einrichten, neue Kleidung auswählen, aus meinen alten Augen auf die Leute schauen, die mich nicht erkennen werden, denn niemand schaut in die Augen, ich werde eine Geliebte finden, die meine frische Haut als erste berühren darf, unbekannte Schauder, bis die Nerven und Synapsen sich neu verbunden haben, solange wird es ein Fest sein, wie es noch niemand erlebt hat. Ich muß nur den Schnitt versuchen, bald, bevor die Möglichkeiten verwelken, noch ehe sie in meinen Poren zum Blühen gekommen sind.

 

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