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Über Reparieren

Neulich war ich in einer Ausstellung, in der gab es eine Reparaturecke. Dort saßen zwei junge Bastler, die der Künstler vermutlich angeheuert hatte, mit Nadel und Faden, Drahtrollen, Heftpflastern, Stoffresten und Kleber. Man konnte ihnen kaputte Dinge in die Hand drücken, und sie würden dann probierten, die Sachen wieder heil zu machen. Zuerst war ich belustigt und fragte mich, wer denn wohl im Museum zufällig beschädigtes Eigentum bei sich führe und ob das alles inszeniert sei. Ich hing eine Weile in der Nähe herum und wartete, ob jemand käme. Niemand außer mir schien die Reparaturecke zu bemerken. Konzentriert beugten sich die Bastler über irgendwelche Fetzen, an denen sie herumstickten, und sahen sehr beschäftigt aus, aber als doch endlich eine ältere Dame zu ihnen hinüberschlenderte, hoben sie erwartungsvoll die Köpfe. Die Dame zeigte ihnen den ausgefransten Saum ihres Täschchens. Die Bastler, ein Junge und ein Mädchen, nickten konzentriert, nahmen das Täschchen vorsichtig entgegen und fuhren mit den Fingerspitzen über die schadhafte Naht. Dann richtete der eine sein Nähzeug, die andere suchte das passende Garn. Die Reparatur konnte beginnen. Die Dame ging währenddessen ein wenig im Raum herum und schaute immer wieder lächelnd auf die beiden Reparierer. Auch ich lächelte breit, weil es ein schöner, tröstlicher Anblick war: die beiden, schweigend bei der Arbeit, die Tasche, die mit wenigen Handgriffen wieder heil wurde, und die Dame, die sich freute, dass ihr hier im Museum ganz unerwartet etwas abgenommen wurde, das sie schon lange hinausgeschoben hatte, eine Kleinigkeit, vielleicht nicht wichtig, aber auch nicht ganz unwichtig.
Mir fiel ein, wie ich als Kind nicht ertragen konnte, wenn ein Plüschtier kaputtging. In meinen Augen war der Panther, der sein Auge verloren hatte, erblindet, und das Zebra mit dem Knickohr konnte nicht mehr hören, und der schlaksige Hase, der irgendwann sein linkes Bein verlor, würde nicht mehr rennen können. Ich versuchte zu reparieren, aber die Nadel wollte sich nicht recht durch den harten Plüschstoff treiben lassen, und das Auge war verlorengegangen, und wie konnte man ein Bein so wieder annähen, dass jemand damit laufen konnte? Wenn ich nicht mehr weiterwusste und Glück hatte, kam meine alte Großtante zu Besuch, die alles heilen konnte. Sie setzte sich eine riesige Brille auf, schleckte am Zwirn, ich musste ihn für sie einfädeln, und dann lehnte ich mich an sie und schaute ihr zu, wie sie mit geduldigen, festen kleinen Stichen alles wieder dort festnähte, wo es hingehörte. Während die anderen Erwachsenen plauderten, beugte sie sich versunken über ihre Arbeit. Dann setzte sie das fertige Tier auf den Tisch, strich ihm kurz über den Kopf, als sei es ein Kind, und murmelte: ‚So, jetzt kannst du wieder los.' Ich schenkte ihr dünnen Filterkaffee nach, den mochte sie am liebsten, und sie flickte auch noch meine Socken, mit einem schönen marmorierten Stopfei, das sie unter das Loch schob, und klebte abgebrochene Henkel mit Blitzkleber wieder fest. Den durfte ich nicht benutzen, weil sonst meine Finger auf ewig verkleben könnten. Wenn sie dann ihre Brille abnahm und sich umschaute, als hätte sie die Zeit vergessen, war die Welt etwas heiler geworden.
Während ich noch an die Großtante dachte, die schon lange gestorben ist und zuletzt nicht mehr nähen konnte, weil ihre Finger so zitterten, hatte die Dame sich zufrieden die geflickte Tasche umgehängt, und schon kam der Nächste in die Reparaturecke, ein Mann, dem sein Schnürsenkel gerissen war. Damit konnten die beiden Reparierer nicht dienen, aber sie probierten verschiedene Schnüre und Bänder, und schließlich fädelten sie dem Mann ein hübsches Lederbändchen ein. Er strahlte, als hätte er neue Schuhe an den Füßen, und machte auf dem glatten Marmorboden ein paar ausgelassene Tanzschritte.
Natürlich habe ich auch schon oft Dinge repariert, und manchmal war es ganz einfach: ein Tropfen Öl ins verrostete Fahrradschloss, etwas Holzleim an den locker gewordenen Flügel des Weihnachtsengels, einen Buchrücken geklebt oder einen Fahrradschlauch geflickt. Die Befriedigung geht jedes Mal weit über den Objektwert hinaus. Es ist nicht nur der gerettete Socken, der mich so von Herzen freut. Dahinter muss mehr sein, eine Art Triumph, der ständigen Verlustgefahr etwas entgegenzusetzen, mit den eigenen Händen ein wenig Haltbarkeit zu schaffen – einmal die Oberhand zu behalten im ständigen Ringen mit den Widrigkeiten des Alltags.
Auch hier im Museum sah ich, wie glücklich das Reparieren die Leute machte. Die Ecke füllte sich nach und nach mit Bedürftigen, die alle etwas zu reparieren hatten. Vielleicht war es ja auch der unverhoffte Beistand, der sie so beglückte. Die Erleichterung, sich einmal nicht selbst mit Verschleiß und Verlust herumschlagen zu müssen – es gab Zuständige, und sie taten es gern und machten es gut. Ihre Geduld war mit Geld nicht aufzuwiegen; so muss es sein, dachte ich, fürs Heilmachen kann es keinen Stundenlohn geben. Für jede Anfrage schienen sie das passende Material zu haben. All die Fetzchen, Drähte, Farbreste und Schräubchen, die sich zuhause am Boden meiner Küchenschublade oder auf Kellerregalen zusammenrotteten, fanden hier zu wunderbarer neuer Verwendung. Nichts zu früh aussortieren, dachte ich, abwarten, geduldig bleiben, bis alles seinen Platz findet - ja, das wäre gut.
‚Warum sind die im Museum?', hörte ich ein Kind seinen Vater fragen, der den beiden Bastlern tatsächlich einen löchrigen Kuscheltiger herüberschob, ‚ist das Kunst?'
‚Na, wenn die deinen alten Tiger reparieren können, ist das eine hohe Kunst!' sagte der Vater ernsthaft. Ich hatte auf einmal Lust, mich selbst in die Hände dieser Bastler zu geben. Es gibt soviel an mir, das repariert werden müsste. Sie würden sich meiner annehmen, mit flinken kühlen Fingern. Und danach wäre ich heil. Aber jetzt war ja erstmal der Tiger dran.

In: Psychologie Heute 2/16.

 

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