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Über Ordnung und die Dinge aus Worten

Essay in BELLA triste Nr. 25, Herbst 2009

1. Keine Schwimmhäute
In einem merkwürdigen kleinen Essay von 1907 über die Evolution, betitelt ‚Die Korruption der Seele’, beschreibt Italo Svevo den Gang der Schöpfung folgendermaßen: Gott erschafft die Welt und ihre Lebewesen und teilt mit vollen Händen, sozusagen als Nachtisch, Seelen aus. Dann lehnt er sich zurück und wartet ab, wie die Sache sich entwickelt. Bald stellt sich heraus, daß in den Seelen seiner Geschöpfe, obwohl doch die Welt, die sie umgibt, die beste aller Welten ist, weiterhin Chaos herrscht: Die Wesen hadern, sie wünschen sich eine andere Gestalt oder ein nützlicheres Gefieder, schärfere Zähne oder üppigere Mähnen, sie sind unzufrieden.
Und jetzt kommt ein entscheidender Satz, der Svevos Philosophie der Unzufriedenheit in sich trägt: ‚...allmählich verwandelte sich der Organismus aufgrund dieser Unzufriedenheit und gewährte der Seele kurze Intervalle der Befriedigung.’ Gottes notorisch unzufriedene Geschöpfe setzen alles daran, sich zu verändern, zu perfektionieren, und manchen gelingt es auch; sie legen sich ein dichteres Fell zu, um in der Kälte besser zu überleben, bilden Schwimmhäute aus, hocken sich in den Schlamm und sind es schließlich zufrieden. Mit fatalen Folgen: In diesem Moment der Sättigung, des Verharrens und Erstarrens verlieren sie ihre Seele. ‚Und sie alle lebten fröhlich dahin, ohne zu merken, daß sie des wahren Lebens verlustig gegangen waren.’ Nur ein einziges Tier, ein ganz und gar unvollkommenes, düsteres Wesen ohne Flügel, ohne ein taugliches Gebiß und ohne anständige Pranken, das also allen Grund zur Unzufriedenheit hat, ist nicht in der Lage, sich genügend zu verändern und zu perfektionieren. Es bleibt, obwohl es sich Wissen erarbeitet und Werkzeuge erfindet, die ihm das Überleben sichern, unstillbar unzufrieden.
Fröhlich dahinzuleben ist also, glaubt Svevo, diesem rastlosen Menschenwesen nicht gegeben, auch wenn es sich immer neue Ordnungen vom Bücherregal bis zum Gesellschaftssystem schafft und sich mit Literatur und anderen Arzneien seiner selbst versichert - am Ende bleckt es nur wieder die Zähne und irrt weiter. Aber damit ist es, und das ist die eigentlich triumphale Volte in Svevos Gedankenspiel, doch näher am ‚wahren Leben’ als seine gesättigten Mitkreaturen.
Das Schreiben, so kann ich nur vermuten, schenkt mir als notorisch unzufriedener Kreatur mit wenig Fell und untauglichem Gebiß eben diese kurzen Intervalle der Befriedigung. Es ist eine Befriedigung, die sich langsam zusammensetzt, eine mühselige, kleinteilige Art des Vorankommens: Wörter zu Sätzen fügen, Sätze zu Episoden anordnen, und solange ich diese kleinen Architekturen errichte, bin ich auf eine unscheinbare Weise gesättigt durch das Gefühl, an einer Ordnung zu bauen.

2. Schreiben und Bauen
Die Ordnung, die in meinen Texten entsteht, verspricht keine weiteren Gewissheiten. Sie ist vorläufig, weil nur formal tauglich; solange ich schreibe, solange Leser lesen, trägt der Vorgang als solcher. Es ist möglich, von sich selbst in der Welt zu erzählen; es ist möglich, die verunsichernde Überfülle der Wahrnehmungen, die diffusen Beklemmungen eines Albtraumes, Ängste und ihre Vorhöfe, die mäandernden Texturen von Phantasien und Projektionen vorübergehend anzuordnen in einer auch für andere nachvollziehbaren Konstellation. Ist der Vorgang – des Schreibens, des Lesens – dann abgeschlossen, muß er jedoch sofort erneuert werden. Denn die Vergewisserung der Erzählbarkeit ist nur im Vollzug spürbar; sobald ich zum Ende komme, traue ich ihr schon nicht mehr über den Weg.
‚Eine Geschichte trägt die Besänftigung der Welt in sich’, so Peter Bichsel in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. ‚Was eine Form findet, verliert die chaotische Gefährdung.’ Mit dieser formgebenden Vergewisserung geht der Gedanke einher, daß der Inhalt des Erzählens zwar als Material notwendig, aber nicht entscheidend ist. Der Akt des Schreibens, oder des Erzählens, wie Peter Bichsel es noch grundsätzlicher anthropologisch fasst, verwandelt Willkür, Zufall, den Müll des Alltags in eine Geschichte, die dann, auch wenn sie selbst willkürlich, zufällig, alltäglich daherkommt, im Raum steht: ein Ding aus Worten, um das ich herumgehen, in das ich hineingehen, das mich beherbergen kann.
Die Beheimatung im Text hängt nicht an den Inhalten, im Gegenteil. Dort herrschen Zweifel, Brüchigkeiten, Absonderliches, Fragwürdiges: rastlose Straßenbahnfahrer, obsessive Inselsucher, berührungshungrige Alte, verstummte Mittelalte, einen kleinen Herrn Jakobi, der nachts sein Fahrrad ausführt, eine Kleinfamilie, die ihr Eigenheim in einen Kriegsschauplatz verwandelt – notorisch Unzufriedene eben, solche, die sich nicht im Nest zusammenrollen, Wesen ohne Flügel. Aber diese zerfaserten, mitunter trotzigen Lebensversuche bekommen, indem sie erzählt und im Erzählen erfunden werden, eine Sichtbarkeit, die sich mit der Schönheit eines gut geschreinerten Bücherregals vergleichen lässt.
Die Schönheit der Ordnung spricht ja aus fast jedem Text, selbst aus solchen, die aus sattsam bekannten Versatzstücken bestehen, also sozusagen den Fertighäusern unter den Textgebäuden. Interessant sind solche Architekturen nicht, weil sie in einer vorhersehbaren Einsträngigkeit ihren Grundriß zur Schau stellen und Inhalt und Form zur Deckung bringen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen können auch sie vielen Lesern und vielleicht sogar ihren Schreibern Zuflucht gewähren, weil auch sie Versuche der Formgebung darstellen; die Einladung zur Beheimatung wird von solchen Texten sogar noch ausdrücklicher ausgesprochen.
Schon in der Fülle der möglichen Ordnungssysteme liegt ein (zuweilen buchhalterisch angehauchter) Trost:

Der kleine Herr Jakobi und die Bücher
Der kleine Herr Jakobi ordnete seine Bücher der Größe nach: Weltatlas, Kunstbände, Kochbücher, Bibel, Reisebücher, Krimis, Gedichtbände. Dann nahm er sie stoßweise aus den Regalen, mischte sie und ordnete sie nach ihrem Material: Leder, Pappe, geleimt, geheftet, geklebt. Er wanderte an den Regalen entlang, fuhr mit dem Zeigefinger über die Buchrücken und freute sich an der Ordnung.
Hast du das alles gelesen, fragte Stella ihn. Nein, sagte der kleine Herr Jakobi ohne Reue, griff sich ein Buch aus dem Regal und wendete es hin und her. Dann stellte er es zurück an seinen Platz und sagte zu Stella, morgen der Farbe nach.

Vermutlich wird Jakobi auch in Zeiten von ebook und kindle an seinem Regal festhalten. Welches Ordnungssystem er wählt, ist allerdings gleichgültig, denn er weiß zugleich um ihre Vorläufigkeit und Beliebigkeit. Auch gegen elektronische Regalfächer hätte er wohl nichts einzuwenden, obwohl die Materialhaftigkeit des Regals die Befriedigung des Ordnenden spürbar erhöht: die Dinge haben ihren (nicht den ihnen immer schon zugedachten, sondern einen für sie erfundenen) Platz, an dem sie gesehen, berührt, angefasst, vielleicht sogar gelesen werden können.

3. Das vergessene Metermaß
Vielleicht gewinnt Svevos Intervall der Befriedigung überhaupt erst in dem Augenblick an Wirklichkeit, in dem es gesehen wird. Viele Menschen, die Dinge schaffen (auch Wort-Dinge), sehen ihre Arbeit erst dann als gelungen an, wenn sie den wärmenden Blick im Auge des Betrachters finden.
Der Architekt eines kleinen Hauses in der Nachbarschaft etwa, der immer noch um das Haus herumstrich, auch als die Bauherren längst eingezogen waren. Anfangs jeden Tag, später alle paar Tage schlenderte er am Gartenzaun entlang, prüfte mit einem Griff die Festigkeit der Regenrinne, umfasste sinnierend das Geländer, strich mit der Hand über den Türrahmen. Natürlich war es ein Abschiedsritual, aber zugleich auch eine langgezogene Übergabe, und der Lohn war nicht nur das Architektenhonorar, sondern auch der Anblick der neuen Bewohner, die sich in seinem Haus einrichteten und ihm respektvoll zunickten, während sie Lampen anbrachten, die Hausnummer neben die Tür nagelten und überall kleine Kränze, Keramikschildchen und farbige Verzierungen aufhängten, die ihm eigentlich nicht gefielen – das Haus war nun, er musste es sich zögerlich eingestehen und zugleich feiern, nicht mehr seins und würde doch immer seines bleiben, eine Geliebte, deren Ohrläppchen, Achselhöhlen und Kniekehlen man auch Jahre später noch unter den Fingern spürt, auch wenn man sie nicht mehr berühren darf. Sein Gedankengebäude hatte ein solides Fundament aus Beton bekommen, eine rote Holzfassade und ein wasserdichtes Dach – eine Anschaulichkeit, Benutzbarkeit und Haltbarkeit also, die wir uns für unsere Wortgebäude lange wünschen können. Ein Buch lässt sich eben schneller verramschen als ein Haus, die Abrisskosten einer Gedankenbaustelle sind wesentlich geringer (dafür ist das Buch aber auch im Format dezenter und bescheidener und verschandelt im Fall des Misslingens nicht auf Jahrzehnte das Stadtbild).
Oder: ein Möbelschreiner, der mir zu einem runden Geburtstag einen alten Wunsch erfüllte - eine Bücherwand nach Maß mit vielen kleinen Fächern, ähnlich einem großen altmodischen Apothekenregal. Ich rang mit dem Schreiner um die Maße, die Tiefe, die Beschaffenheit des Holzes, die Größe der Fächer, er baute alles auf, der übliche Duft nach frisch angesägtem Holz, Leim, Spänen, das Ikearegal zerfiel praktisch von allein. Dann stand die Wand in makellosem Weiß, die Fächer luden dazu ein, mit Arzneien oder Literatur bestückt zu werden; dies war der Augenblick, in dem der Schreiner sich hätte zurücklehnen und sich an seinem Werk erfreuen können. Er wirkte aber fahrig, fegte an den Spänen herum, statt sich zu mir zu setzen und mit mir auf den Geburtstag und die Bücherbehausung anzustoßen, murmelte vor sich hin, ein rastloser Anblick, der mich verunsicherte, vielleicht hatte er etwas vergessen und wollte es nicht eingestehen, oder ich hatte, ohne es zu merken, sein künstlerisches Gemüt gekränkt (dieser Schreiner war ein Künstler und zeigte es mit der verwegenen Pracht seines schwarzen Zimmermannshutes und einer schönen dunkelblauen Lederweste, weswegen meine Kinder ihn lange für einen Zauberer hielten und weiße Hasen in seinen Taschen vermuteten). Schließlich ging er, ohne sich loben zu lassen; ich hatte das Spotlight umsonst auf ihn gerichtet, der Augenblick war falsch gewählt. Drei oder vier Tage später, als ich das Regal schon zur Hälfte eingeräumt hatte (zum ersten Mal in meinem Leben in alphabetischer Ordnung), stand er vor der Tür, hatte angeblich sein Metermaß vergessen, drängte sich beinahe ungestüm an mir vorbei zur Bücherwand. Diesmal war es der richtige Augenblick, nur daß ich keine Gläser bereitgestellt und keine lobenden Worte vorbereitet hatte, aber die brauchte er nicht. Er brauchte den Anblick des halb eingeräumten Regals, seines Werkes in Benutzung, und doch auch den Besitzerstolz und das Glück einer gelungenen neuen Ordnung in meinen Augen. Er schaute auf die Bücher, dann wieder zu mir, nickte mir zu, wir bekräftigten den Moment mit einem Händedruck, und es hätte mich nicht gewundert, wenn in diesem Moment weiße Kaninchen aus seiner Westentasche gequollen wären.
Als er gegangen war, stellte ich weiter Buch um Buch an seinen Platz. Heute alphabetisch. Morgen vielleicht nach Größe. Oder Farbe.
Für Schreibende ist der Blick des Betrachters, des Lesers nur selten spürbar. Das Ding aus Worten wird errichtet, zugänglich gemacht in der Annahme, es werde Besucher oder gar Bewohner geben; wer aber letztlich das Texthaus findet, das auf keinem Stadtplan, sondern höchstens im Verlagsprogramm verzeichnet ist, muß entgegen der Strategien der Marketing-Spezialisten offen bleiben, lässt sich kaum überprüfen und nur bei seltenen Gelegenheiten erfahren. Es soll Autoren geben, die Menschen in der Straßenbahn oder in Fernzügen beim Lesen ihrer eigenen Bücher beobachten konnten, bang an den vorwärtsschweifenden Blick des Gegenübers geheftet – wird er lächeln, missbilligend die Stirn runzeln, gähnen oder sogar abbrechen? Wird er sich langweilen, wird er die Anstrengung des Schreibenden, das handwerkliche Geschick, die erfundene Ordnung erkennen, erahnen oder übersehen?

4. Trost der Benutzung
Eine der wenigen Möglichkeiten, sich im Blick des Lesers zu wärmen, ist die Lesung. In mancher Hinsicht ist sie eine ideale Übereinkunft: Der Leser lässt das Buch sinken, wird zum Zuhörer, der nun den Blick heben und auf eine ihm mehr oder weniger feierlich vorgeführte Ordnung richten kann. Die Schreibende lässt den laptop zuhause, wird zur Vorleserin und kann den Blick spielen lassen zwischen selbst errichteter Wort-Behausung und leibhaftigen Bewohnern aus Fleisch und Blut. Eigentlich gibt es keinen anderen Grund, sich einer Lesung auszusetzen. Leser werden aus dem Lesen entlassen und schauen wohlwollend auf die Vorleserin, sie danken ihr für die vorübergehende Ordnungsgeborgenheit des Erzählens durch ihre dankbar wärmenden Blicke. Die Vorleserin kann für eine begrenzte Zeit ihre Texte in Benutzung erleben; dafür gilt es allerdings später einen Lohn zu zahlen, indem die Benutzer sich durch Fragen rückversichern, daß das Ordnungsangebot echt, ernst gemeint und im besten Fall selbst erlebt sei. Die Übereinkunft der Vorleserin und der Zuhörer ist zutiefst tröstlich; neunzig Minuten lang besteht Einigkeit darüber, daß die Welt sich erzählen lässt, und zwar in genau der Form, die der Text vorschlägt – eine Beheimatung auf Zeit, die zwangsläufig nicht von Dauer sein kann.
Denn die Zufriedenheit mit dem Text lässt nach, weil die Worte, die einmal gefunden sind, sich innerhalb der Architektur des Wort-Dinges rätselhaft verschieben. So wie ein Haus mit den Jahren reparaturanfällig, mürbe, marode wird, hält auch der Text der Zeit kaum stand. Es gibt Haarrisse in den Balken, feuchte Ecken entstehen, der Keller müsste ausgebaut werden. Neue Bedürfnisse tun sich auf; andere Lichtverhältnisse werden gewünscht, größere Fenster vielleicht, durch die mehr Außenwelt sichtbar wird, oder großzügigere Grundrisse. Man könnte einen aufwendigen Umbau in Auftrag geben, und es gibt nicht wenige Autoren, die sich in jedem Buch mit erfindungsreichen Umbauten bisheriger Texte beschäftigen. Oder ein Abriß steht an, ein Brand, ein Kahlschlag, der mir die zahllosen Möglichkeiten neuer Ordnungen auftut: das Spiel ist wieder eröffnet.
Anders als Jakobi vergesse ich zum Glück im Überschwang der Neubeheimatung, von welch kurzer Dauer die Tröstung auch dieses Versuchs sein wird. Denn am Ende blecken wir die Zähne und irren weiter.

 

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