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Sommer passiert einfach. Ich versuche es zu verhindern, jedes Jahr aufs Neue. Ich verliere schon im Februar meine Sonnenbrille. Im März dann, wenn die Sonne sich frühlingshaft erwärmt, beginne ich mit der Verdunklung der Wohn- und Schlafräume. Den Wetterbericht verfolge ich aufmerksam, um über die Tiefdruckgebiete, Frostwellen und Schneefälle im Gebirge stets im Bilde zu sein. Nach Ostern wird der Angriff massiv, meine Abwehrmaßnahmen umso ausgeklügelter.
Sprößlinge schieben sich aufreizend aus der Erde und werden von aller Welt mit Freudenschreien begrüßt. Unter knappen Röcken blitzen frischrasierte Beine, weiß wie junger Mozarella. Babies werden schubweise geboren und von ihren versonnen lächelnden Müttern brüllend durch die laue Luft geschoben. Überhaupt liegt ein unglaublicher Lärm über der Stadt, Insekten vibrieren, schmatzende Küsse der frisch Verliebten, das unaufhörliche Geschrei der Vögel, sogar die Straßenbahnen bremsen übermütiger als üblich, Pollen schwirren durch die offenen Fenster. Ich weiß schon, warum ich in meiner Wohnung alle Öffnungen verschließe. Bis etwa Mitte Juni halte ich dem Angriff stand. Aber wenn die Temperaturen überkochen und die Sonnenschirme wie gigantisches Unkraut aus den Gärten ragen und ein Dunst von Sonnencreme und anderen chemischen Substanzen wie eine Glocke über der Stadt liegt, strecke ich die Waffen.
Ich ziehe mich auf das Sofa zurück, dessen Kunststoffbezug in meine Oberschenkel hineinschmilzt, und wische mir den Schweißfilm vom Gesicht. Natürlich weiß ich, daß der Mensch im Sommer viel trinken soll, aber ich verweigere alle sommerspezifischen Maßnahmen. In früheren Jahren habe ich mit Adventsschmuck und Gewürztee versucht, ein Gegenprogramm zu organisieren, stieß aber auf wenig Gegenliebe.
Melissa, die ich eingeladen hatte, um ihr Butterplätzchen und meine LieblingsDVD, eine Aufzeichnung der letzten Winterolympiade, zu kredenzen, blieb schon in der Tür stehen und blinzelte verdutzt.
Warum ist es denn hier stockdunkel?
Ich habe dir doch gesagt, daß ich gegen den Strom schwimme, sagte ich.
Wieso schwimmen, sagte Melissa, schwimmen kannst du im Baggersee, komm, hol deine Badesachen.
Du verstehst nicht, sagte ich, Baggerseen sind für mich verbotene Zonen, ekelhaft, was sich da so tut, alles nackt, alles feucht, Menschen paddeln durch Schlingpflanzen und liegen im Kies übereinander, das ist Sommer, verstehst du, das bekämpfe ich.
Melissa schaute mich fassungslos an. Sie konnte den Blick gar nicht von mir wenden, als hätte ich etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Dann schaute sie zögernd an mir vorbei in die Wohnung hinein. Ich trat zur Seite, wedelte einladend mit den Armen, ich weiß, daß meine Wohnung kühl ist, zumindest den Umständen entsprechend angenehm temperiert, und daß es einladend duftet, nicht diese hochgeputschten überkandidelten Sommerdüfte, sondern ein behaglicher Geruch nach Kindheit und Frieden, der die Menschen näher zusammenrücken läßt, und genau das hatte ich mir auch mit Melissa vorgestellt, die mit ihren Sommersprossen und ihren Löckchen im Nacken auf bezaubernde Weise verwirrt aussah und eigentlich nur darauf wartete, in einer winterlichen Welt von mir gewärmt zu werden.
Komm, bei mir kannst du dich aufwärmen, murmelte ich und fasste sie an der Schulter. Sie zuckte zurück und schob sich die Sonnenbrille vor die Augen. Weil es im Flur sehr dämmrig ist, mußte ich vermuten, daß sie nun kaum noch etwas sah, und wirklich streckte sie tastend den Arm nach vorne, Mensch, mach doch mal Licht hier, mach mal die Fenster auf, laß den Sommer rein, du lebst ja wie ein Maulwurf. Ich nickte nicht ohne Stolz. Endlich begann sie, sich für meine Strategien zu erwärmen. Ja, sagte ich, der Maulwurf geht ganz in meinem Sinne vor, ein Erdbewohner, blind am hellen Tag, dafür umso findiger in der Dunkelheit, und ich schob mich einen Schritt näher an Melissa heran und roch ihren Duft, der, um ehrlich zu sein, vermutlich ‚Sommerzauber‘ hieß oder ‚Blütenpracht‘, ein süßlicher Geruch jedenfalls, vermischt mit einer scharfen Schweißnote.
Im Winter kannst du Pullover tragen, da riecht man nichts, sagte ich, und weil ich so nahe bei ihr stand, mußte es ihr so vorkommen, als raunte ich ihr ins Ohr, und mit einem kleinen spitzen Aufschrei sprang sie zur Seite und auf und davon.
Nachdenklich schloß ich die Tür hinter ihr. Mir wurde klar, daß ich in meinem Kampf gegen den Sommer alleine bleiben würde.

 

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